Brilon. Mit ihren Vorhaben sind sie Pioniere im Hochsauerlandkreis: Fünf junge Frauen mit Behinderung sind gerade dabei, gemeinsam eine Wohngemeinschaft zu gründen. In Eigenregie mit ihren Eltern haben sie Ideen gesponnen und verworfen. Die Eltern haben sich kundig gemacht, haben mit Behörden gesprochen, sich von Experten beraten lassen, einen Investor gesucht, gefunden und wieder verloren. Aber sie haben sich nicht entmutigen lassen. Sie haben weiter gemacht und ein passendes Haus mit geeignetem Grundriss für fünf Einzelzimmer gefunden. Dieses Haus hat ein Elternteil gekauft.
Noch gibt es Kaffee und Kuchen von der Biertischgarnitur. Was nichts macht. Sie ist super praktisch. Der robuste Klapptisch dient zugleich als Tapeziertisch und kann, wenn das Wetter mitspielt, zackzack zusammengeklappt und draußen auf der Terrasse mit Blick auf den schmucken Garten wieder aufgebaut werden. „Ist schön hier, was“, stellt Sarah fest. Ja, ist es, obwohl vom Dach bis zum Keller noch Baustellenambiente herrscht. Das Haus wird renoviert und dabei richtig schmuck gemacht, was in der Hand der Eltern liegt. Richtig schön muss das Haus auch werden, denn es soll das neue Zuhause der fünf Frauen werden. „Hier geht es ja um nichts Geringeres als um die gemeinsame Zukunft unserer Kinder“, betont Klaudia Battré.
Die Zukunftsfrage stand am Anfang. „Genauer gesagt, war es die Altersfrage“, konkretisiert Klaudia Battré. Was wird mit den Kindern, wenn wir alt sind? Wo werden sie wohnen? Wer wird für sie sorgen? Wie selbst- und eigenständig können unsere Kinder leben? Es sind die Kernfragen, die sich wohl alle Eltern stellen, deren Kinder mal mehr, mal weniger Begleitung auf ihren Lebenswegen brauchen werden. Für eine gute und sichere Zukunft steht dieses Haus. Die Familie Battré hat die Immobilie gekauft. Mieterinnen sind die fünf zukünftigen WG-Kolleginnen. Bäder, Küche, Wohnzimmer und Garten werden gemeinschaftlich genutzt. WG eben. WG üblich ist darüber hinaus, dass selbst geputzt, eingekauft und gekocht werden muss. „Nach Plan“, sind sich die Anwesenden einig. Details stehen noch nicht fest. Dafür die selbstkritisch-augenzwinkernde Prophezeiung, dass es „sicherlich auch mal richtige Reiberein geben wird“. Was ebenfalls WG typisch ist.
Als Wegbegleiter werden die Eltern und ihre erwachsenen Kinder vom Caritasverband Brilon begleitet. Man kennt sich schon lange. Die jungen Frauen arbeiten alle bei den Caritas-Werkstätten St. Martin, davor hatten sie die gleiche Schule besucht. Der Werktag ist also strukturiert und wenn es stressig wird, gibt es Ansprechpartner. Für die Freizeit soll es nach dem Auszug aus dem Elternhaus und den Einzug in die WG ebenso sein. „Geplant ist, dass wir die Frauen im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens begleiten werden“, sagt Christina Bigge, Leitung des Ambulant Betreuten Wohnens (ABW). Die Begleitung durch die Caritas erfolgt aber nicht erst mit Einzug: „Wir waren von Anfang an dabei und haben den jungen Frauen und ihren Eltern als Berater zur Seite gestanden“, blickt Christina Bigge zurück. Das Angebot des ABW richtet sich an erwachsene Menschen mit Unterstützungsbedarf aufgrund einer geistigen, psychischen Behinderung oder einer Suchterkrankung. Die Begleitung und Hilfestellung erfolgt auf Wunsch und bei Bedarf in den Bereichen Freizeit, Bildung und Alltagsorganisation. „Selbstständig, aber niemals allein“, fasst Christina Bigge zusammen und ergänzt: „Was sich in diesem Pionierprojekt ja prima mit dem WG-Gedanken deckt.“
Professionelle Begleitung
Im Zuge der politischen Forderung des „Ambulant vor Stationär“-Gedankens berät der Caritasverband Brilon seit vielen Jahren Menschen mit Behinderung sowie deren Eltern oder Angehörige. Neben der Beratung steht auch die konkrete Begleitung auf dem Weg zu einem möglichst selbstbestimmten Leben. Dazu gehören auch die Teilhabe am Arbeitsleben sowie das Recht zu entscheiden, wo und wie man wohnt. Um dieses zu ermöglichen, arbeiten verschiedene Dienste und Einrichtungen Hand in Hand: Die St. Martin Werkstätten, die Sozialstation und das Ambulant Betreute Wohnen.
Weitere Informationen zum Thema bei Christina Bigge, Leitung Ambulant Betreutes Wohnen, unter Telefon (02961) 743213.